Ship'N'Train Travel Teamleiter Urs Steiner war schon in England und Schottland mit der Bahn unterwegs. Also wieso nicht auch in Wales? Am Schluss hat ihm nicht nur das Zugfahren Spass gemacht, sondern fand auch ein spannendes, abwechslungsreiches Land vor mit zwar unaussprechlichen Ortsnamen aber freundlichen Leuten.

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Bahnreisen in Wales - ein Erfahrungsbericht
Bahnreisen in Wales - ein Erfahrungsbericht
Anreise nach Wales
Wer - zwar etwas ordinär aber günstiger und schneller - mit dem Flugzeug anreisen will, kann dies ab der Schweiz nach Birmingham oder Manchester tun. Wer etwas mehr Zeit und Budget hat, nimmt den Zug via Paris und durch den Channel nach London, von wo man gute Zugverbindungen zu den beiden nordenglischen Metropolen hat.

Wo die Bahn am Flughafen startet
Wie in der Schweiz in Genf oder in Zürich haben die Flughäfen Manchester und Birmingham ebenfalls einen Flughafenbahnhof, von wo die Züge der Cambrian Line (ab Birmingham International) oder der Manchester-Holyhead-Line (ab Flughafen Manchester) nach Wales fahren.
Vom Flughafen Manchester erreicht man die rund 2'000 Jahre alte Stadt Chester (ja ich weiss, die liegt noch in England, aber kann trotzdem ein Besuch wert sein) in rund 1 ½ Stunden. Wer schon etwas weiterfahren möchte erreicht Llandudno Junction nach rund 2 ½ Stunden Fahrzeit. Weiter unten gibt es dann noch eine Bemerkung zum ominösen Wort “Junction”.
Wer in Birmingham landet hat ungefähr alle zwei Stunden einen Schnellzug nach Machynlleth in Wales, von man wo z.B. stündlich in den Ferienort Aberystwyth weiterfahren kann.

Städtehopping in Wales
Einmal in Wales muss man die Dimensionen der Städte mit neuen Massstäben messen. Ausser den Bevölkerungs-Hotspots Cardiff/Newbury und Swansea an der walisischen Südküste mit jeweils deutlich über 100'000 Einwohner, beherrschen im Rest von Wales eher kleinere Städte das Bild. Schon die viertgrösste Stadt von Wales hat nicht mehr Einwohner als Biel. Diese kleineren, historischen Städte sind deshalb meistens recht gut zu Fuss zu erkunden. Bevor wir aber in die Provinz reisen, hier noch einige Impressionen von Cardiff.


Der grössenwahnsinnige Bahnhof: Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch
Viele walisische Ortsnamen korrekt auszusprechen ist für uns Schweizer wohl ein Ding der Unmöglichkeit - egal in welchem Zustand man sich befindet. Zum Glück sind touristisch relevante Ortschaften wie Aberystwyth, Caernarfon, Llandudno oder Llangollen durchaus auch für unsere Zungen noch verhältnismässig verständlich auszusprechen.
Dass Marketing schon im 19. Jahrhundert wichtig war und man dann halt auch mal einen langen Dorfnamen kreierte, um Aufmerksamkeit zu erhaschen, beweist das Dorf Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch, das mit 58 Buchstaben gemäss dem Guinnessbuch der Rekorde den längsten Einwort-Domainnamen der Welt besitze. Dass man sich im 19. Jahrhundert noch nicht so aussschweifend um Aufmerksamkeit bemühen musste wie im 21. Jahrhundert zeigt, dass der ursprüngliche Name “nur” Llanfair Pwllgwyngyll lautete und dazumal seinen Zweck erfüllte, nämlich dass in diesem Ort eine Bahnstation gebaut wurde.
Wer sich jetzt fragt, ob diese 58 Buchstaben auch tatsächlich etwas bedeuten, kann dies bei Wikipedia nachschauen: "Marienkirche (Llanfair) in einer Mulde (pwll) weisser Haseln (gwyn gyll) in der Nähe (goger) des schnellen Wirbels (y chwyrn drobwll) und der Tysiliokirche (llantysilio) bei der roten Höhle (gogo goch).“


Unterwegs mit den öffentlichen Zügen in Wales
Die öffentlichen Züge in Wales sind meistens relativ kurze aus zwei bis drei Wagen bestehenden Dieseltriebzügen mit der für Grossbritannien typischen Gumminase. Sie sind soweit komfortabel und mit einem reservierten Sitzplatz hat man auch die Gewissheit, dass man sitzen kann. Denn an schönen Wochenenden oder Feiertagen kann es schon mal eng werden in den Zügen, wenn die Familien an die Strände der Cardigan Bay drängen.
Das Erlebnis Museumsbahn
Für alle, die ausser den regulären Zügen auch gerne mit historischen Zügen unterwegs sind, ist Wales ein Eldorado. Egal ob man eine kleine Museumsbahn wie die Llanberis Lake Railway, die berühmte Zahnradbahn zum Mount Snowden oder mit einem der grösseren Betreiber wie die Ffestiniog & Welsh Highland Railways in Porthmadog oder die Vale of Rheidol Railway in Aberystwyth fahren will, vergnügliche Stunden durch die hügelige Landschaft Wales sind garantiert.
Die Städte entlang der Bahnlinien
Der Titel ist jetzt nicht ganz korrekt, denn gewisse touristisch interessante Städte wie Caernarfon oder Llangollen lassen sich nicht mit der Bahn erreichen sondern mit dem gut ausgebauten Busnetz. Aber wir wollen mal nicht so pingelig sein und Sie lassen mir diese Ungenauigkeit im Titel durchgehen.
Mir haben besonders die Städte Caernarfon, Aberystwyth und Llangollen gefallen. Caernarfon mit seiner schönen Altstadt und dem eindrücklichen Schloss, wo Prinz Charles 1969 seine Antrittsrede als neuer Prince of Wales hielt - und das zum Teil auf walisisch - ist ein guter Ausgangspunkt, um verschiedene Ausflüge wie z.B. zum Mount Snowden oder mit der Welsh Highland Railway zu Machen. Schade ist es, dass Sehenswürdigkeiten wie das Plas Newydd House und sein schöner Garten kaum mit dem öffentlichen Verkehrsmittel zu machen sind und keine öffentlichen Tagestouren ab Caernarfon angeboten werden.
Aberystwyth besticht durch seine lange Strandpromenade, wo man - sofern das Wetter mitspielt - wunderbar flanieren kann und die Aussicht auf die Cardigan Bay oder die historische Häuserzeile entlang der Promenade geniessen kann. Auch die Ausflugsmöglichkeiten rechtfertigen einen mehrtägigen Aufenthalt. Fahrten mit der Vale of Rheidol Railway, eine Küstenwanderung auf einem Teil des Wales Coast Path oder einen kurzen Abstecher auf den Constitution Hill mit der Aberystwyth Cliff Railway bieten sich da an.
Dass kulinarische Tiefflieger-Gastronomen in Grossbritannien offensichtlich immer noch überleben können, wurde in Aberystwyth bewiesen. Die Fish & Chips auf dem touristischen Royal Pier hätte der niedrigste Knecht wieder ausgespuckt und das nicht günstige Hotelfrühstück hätte ich selbst gegen Bezahlung nicht mehr ein zweites Mal gegessen. Zum Glück fanden wir mit dem Glengower-Pub (unbedingt reservieren!) und für unser Frühstück mit dem Medina Café schnell tollen Ersatz.
Als letzter Ort, den ich hier noch erwähnen möchte ist Llangollen. Llangollen lässt sich zwar nur mit der Buslinie T3 von Wrexham (oder ab Barmouth an der Cardigan Bay) erreichen, aber trotzdem ein schmuckes Plätzchen am Fluss Dee gelegen. Die Llangollen Railway bietet da regelmässige Museumsfahrten an und ein Spaziergang entlang des "Shropshire Union Canal Llangollen Branch" ins benachbarte Pontcysyllte (ca. 1 ½ Stunden) lässt einem tiefenentspannt den Touristentrubel beim berühmten Pontcysyllte Aquädukt ertragen. Wer will, kann den Aquädukt neben den Kanalbooten zu Fuss überqueren (oder eine Bootstour buchen). Was ich mir hätte sparen können wäre der Abendspaziergang von Llangollen zum “Horseshoe Falls”. Wieso da das Wort “Falls” vorkommt im Namen, hat sich mir nicht so erschlossen. Aber der Weg auf dem ehemaligen Treidelpfad ist schön.
One more thing: Beware of "Junction"
Ein “Junction”, also eine Kreuzung, tönt eigentlich recht verheissungsvoll, kommen da doch wahrscheinlich verschiedene Verkehrswege zusammen. Das ist auch bei der walisischen Eisenbahn so, dass sich an einer Station mit der Erweiterung “Junction” (meistens) zwei Bahnlinien treffen und man dort von einer Bahnlinie zur anderen umsteigen kann. Es kann aber durchaus sein, dass man dann noch fünf Kilometer vom eigentlichen Ziel entfernt ist (Llandudno Junction nach Llandudno). Oder der “Junction” ist irgendwo in der Wildnis, wo nicht mal eine asphaltierte Strasse (!) hinführt, wie zum Beispiel bei Dovey Junction. Die Erkenntnis des Tages: Wenn man als Ziel einen Bahnhof mit der Erweiterung “Junction” wählt, kläre genau ab, ob dieser Bahnhof auch WIRKLICH dort liegt, wo man auch hin will.

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